27. September 2020

Von der Möglichkeit das alles möglich ist und über meine Generation, kurz – über Entscheidungen. 

Wir schreiben das Jahr 1989. Ein großartiges Jahr. Die Mauer fiel undich erblickte das Licht der Welt. Somit bin ich aber auch in einem
Land geboren das es nicht mehr gibt und wurde mit Werten erzogen die, just zum Zeitpunkt als eine Horde „Ossies“ wie bekloppt auf jenen
steinern Wall eindroschen, ihre Gültigkeit verloren haben.

Ich erinnere mich noch wie die braune VEB – Schrankwand aus demWohnzimmer geworfen und durch eine neue ersetzt wurde. Auch die
wundervollen braunen Polstermöbel mussten einer neuen Ledercouch weichen.

Eben auf jener neuen Couch traf ich einen Gegenstand der mir die Welt erklärte.

Ein Grundig – Fernseher. Marke: Röhre.

Frei nach: „Bei uns gab es das nicht!“ blieb mir jedoch dieses neue Gerät erst einmal verwehrt. Dennoch waren meine Eltern froh, wenn sie
mich vor dem Flimmerkasten sahen und mal ein paar Minuten Ruhe hatten.
Der Babysitter war schließlich 24/7 im Einsatz. Und thronte als stiller Beobachter im Wohnzimmer.

In dieser neuen Welt begegnete ich: Dem König der Löwen, wurde von Freddy Kruger gejagt und Jack Dawson zeigte mir, dass du auch als
armer Schlucker die Frau deiner Träume bekommst. Dass es sich lohnt trotzdem zu kämpfen auch wenn es aussichtslos erscheint. Aber er hat eine Entscheidung getroffen und war sich der Konsequenz bewusst. Er
wollte die Frau seiner Träume besser hinterlassen als er sie vorgefunden hat auch wenn er nicht ewig für sie sorgen konnte.

So zog ich mit der Gummibärenbande umher, lernte Werte wie Freundschaft und Vergebung kennen und fieberte mit Ash neuen Pokémon
entgegen und war bereit mit ihm jedes Abenteuer zu bestehen.

Ich war reich, denn laut meinen Eltern gab es damals anscheinend nur Steine und Stöcker mit denen sie spielten und zwei Fernsehsender.

„Wir hatten ja nischt.“

In der Schule warst du der Renner wenn du einen bestimmten Film am Sonntagabend gesehen hattest und mitreden konntest. Konnte ich meist nicht. Kein eigener Fernseher, kein langes aufbleiben. Umso schöner
wenn ich es doch konnte. Manchmal heimlich. Manchmal mit Erlaubnis.

Die Kiste flimmerte und das flackern war Vater und Mutter zugleich.

Das gute alte Ameisen-Krieselbild und die statische Auf- und Entladung sind Bestandteil einer Kindheit die auch meine Kinder nicht mehr erleben werden.

Denn was bleibt übrig? Das Gerät hat sich verändert und mit ihm auch der Anspruch. Heute renne ich nicht mehr nach Hause wegen eines Filmes oder einer Serie. Heute fragt mich keiner ob ich das Finale von DSDS gesehen habe und keiner schert sich mehr um Containerbewohner die vor laufender Kamera kopulieren. Heute bleibt der Fernseher aus.

Hat sich fernsehen geändert? Bin ich älter geworden? Ich schätze wohl, es ist ein bisschen was von beidem. Die Formate haben sich verändert. Alles muss krasser, lustiger und spannender sein. Das Publikum
verlangt danach oder bekommt es eben einfach aufgezwungen und mag es dann. Jedes Format will sich abheben und in ihrer Individualität sind
sie doch alle gleich. Ich verlor mehr und mehr das Interesse an normalem fernsehen. Und während wir zufrieden sein konnten schreiten
wir auf:

Aber das reicht uns nicht! Wir wollen mehr! Wir können doch alles
haben. Was Neues muss her!

Zwischen Pay-TV und Streaming-Dienst obliegt es unserer Entscheidung wann wir was gucken wollen und wie oft.

Genau so schön wie es ist, so sehr macht es uns auch kaputt. Denn ein paar Werte aus dem mir fremden Land haben durchaus noch Gültigkeit.

„Mäßige dich! Sei zufrieden mit dem was du hast! Es ist nicht allesGold was glänzt!“ Aber ich möchte es nicht. Die Welt zeigt mir, dass
ich alles haben kann – ich muss mich nur entscheiden.

Entscheiden zwischen Apple und Android, Netflix und Amazon, Xbox oder PlayStation. Wenn ich das nicht kann nehme ich eben beides. So einfach ist das.

So einfach, so fatal, denn wir sind dem Konsum verfallen und denken nur in Superlativen. Alles muss besser und krasser sein als das was
wir schon erlebt haben. Wir sind eine „Vielleicht-Generation“ geworden.

Die Devise lautet: Vielleicht kaufe ich mir morgen das neue IPhone oder warte noch auf das Nächste. Vielleicht mach ich morgen mit meiner Freundin Schluss. Wir wollen schließlich das Beste vom Besten und wenn
uns das Alte nicht mehr gefällt wird es entsorgt. Doch merken wir, dass jemand anders genau in diesem „Alten“ seinen Nutzen findet,
wollen wir es nicht hergeben. Vielleicht brauch ich es ja doch nochmal. Es scheint als wären wir wieder im Kindergarten.

Alles kann, nichts muss. Ich muss mich nur entscheiden. Aber das habe
ich nie gelernt.

Denn alles ist interessanter als das, was wir gerade machen. Wir sitzen mit unseren Smartphones vor dem Fernseher oder neben unseren Partner. Wir sind immer beschäftigt nur nicht mit uns selbst oder unseren Problemen. Wir verbringen keine Zeit, sondern schlagen sie tot, bis zum nächsten Highlight. Wir schauen nicht auf den Menschen
der uns gegenübersitzt, wir schauen auf unser Smartphone. Vielleicht schreibt uns jemand, vielleicht bin ich wichtig. Die Leute müssen doch über mich reden.

Dabei haben wir verlernt miteinander zu reden. Jetzt leben wir in einem Zeitalter in dem wir mit 1000 Menschen befreundet sein können
und doch behandeln wir die Menschen neben uns wie Dreck und beenden Beziehungen als wäre es schon immer eine Last für uns gewesen.

Ganz ehrlich ich glaube die Gummibärenbande wäre enttäuscht von mir.
Sie würden mich fragen was aus mir geworden ist. Sie würden sagen dass ich jetzt das Vorbild bin für eine neue Generation und was ich ihnen
vermitteln möchte.

Eines Tages wohl werde ich sagen:

„Kinder, wir hatten damals alles.
Wir mussten uns nur ständig entscheiden. Wir wollten immer das Beste
und nichts war gut genug.“

Ich merke das es nach einer Ausrede klingt und langsam muss ich mich
entscheiden, denn ich will ankommen, denn so schön es ist der Masse zu folgen, mit all den anderen Fröschen zu quaken und auf einer Seerose zu sitzen weil es bequem ist. Eines Tages möchte ich das Ziel erreichen, die Mutter meiner Kinder treffen und ankommen.

Während ich also irgendwann selbst Vater sein werde muss ich meinen Kindern neue Werte vermitteln. So werde ich eines Tages mit meinem Sohn Titanic auf Videokassette schauen, ihm erzählen wie es damals für
mich war. Ich werde ihm sagen:

„Zwei Dinge: Jeder Mensch braucht
jemandem der ihm die Welt erklärt und 2. schau zu Jack und hinterlasse
jede Frau besser als du sie vorgefunden hast.“

Danach werde ich den Fernseher ausmachen und warten: auf die statische Entladung und feststellen das sie ausbleibt. Denn es ist kein Röhrenfernseher, nur ne flache Scheibe. Eine die mir fremd geworden ist. Denn wir wollten immer mehr und haben vergessen wie glücklich wir schon waren mit dem was wir hatten.

Ein Gedanke zu “Von der Möglichkeit das alles möglich ist und über meine Generation, kurz – über Entscheidungen. 

  1. Nach zehn minütigen Kopfzermalmen auf welcher Plattform ich deinen Artikel nun am besten teilen soll (du machst es einer Zeitgenössin der Vielleicht-Generation auch nicht gerade einfach) und einem weiteren drei Minuten Fb oder Wp Likebutton Gesuch, lasse ich dir doch lieber ein persönliches Kommentar da und bin gleichzeitig etwas stolz mich entschieden zu haben: Großartig und schaurig, traurig schöner Artikel!

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