27. September 2020

Timeless (5) Finale

Es spielt schon fast keine Rolle mehr, auf welche Art und Weise dich ein geliebter Mensch verlässt.  Wenn er stirbt ist es endgültig. Dann arrangiert man sich mit seiner Trauer, Narben heilen und das Leben geht weiter. Die Zeit heilt jedoch keine Wunden vollständig. Wenn du jung bist, vergisst du später was dich verletzt hat und je älter du wirst, desto länger dauert das Vergessen. Das heißt nicht, das es dann ungeschehen ist. Wenn ein Mensch stirbt ist der Schmerz zunächst unerträglich. Er brennt und du glaubst daran zu zerbrechen. In ein, zwei Jahren dann merkst du, dass dich der Alltag wieder hat und nur manchmal , nur in bestimmten Situationen, denkst du an diesen Menschen. Es erwischt dich kurz, hält dich für einen Augenblick fest. Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen miteinander, sie sind eins.  Ist das der richtige Moment um da anzusetzen?

Wenn du an einen Menschen intensiv denkst, manchmal klingelt dann das Telefon, manchmal bekommst du  eine Nachricht. Es gibt einen Weg zurück. Zurück zu bestimmten Knotenpunkten im Leben. Wenn ich wieder zurück könnte und nur die richtigen Fragen stelle, das richtige tue, dann kann ich vielleicht retten was ich liebe….oder?

Ben

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Ben und John hatten verloren. Sie redeten kein Wort miteinander. Als John im Hotel ankam, wusste Ben das etwas schreckliches passiert sein musste. Sein Gefühl hatte ihn nicht getäuscht, ohne Fragen zu stellen, folgte er John.  Als sie den Wagen erreichten, war die Straße bereits zu stark unterspült und egal was sie versuchten, sie hatten keine Chance ihr Ziel zu erreichen. Zumindest nicht rechtzeitig. Die Zeit arbeitete gegen sie.  Sie verblieben die Nacht im Hotel. John probierte immer wieder Evelyn zu erreichen, vergebens. Ben setzte sich an die Bar und trank. Jedoch schien sein Körper den Alkohol nicht anzunehmen. Er wurde nicht betrunken und nach einer Weile gab er es auf.  John verließ die Lobby und ging in sein Zimmer. Ben starrte vor sich hin und verlor sich in den Gedanken um seinen Sohn, um Evelyn, um sich selbst.

Er wollte stets das richtige tun. Er wollte immer gut sein. Aber er war nie aggressiv genug, nie nahm er sich was er wollte. Im Grunde genommen fragte er stets danach. Das Leben arrangierte sich nicht mit ihm, sondern umgekehrt.  Ben fröstelte es. Eine Wahrheit tat sich auf, die er erst jetzt erkannte:

Er hatte nie verloren, weil er nicht kämpfte oder zu früh oder spät aufgab. Ben hatte verloren, weil er für das Falsche kämpfte.  Evelyn…Was wäre, wenn beide sich nie begegnen sollten? Sich beide nie hätten treffen sollen. Denn schließlich hatten sich beide getrennt und schließlich war die einzige Verbindung zwischen beiden, ihr gemeinsamer Sohn. Sie lebte auf, verliebte sich neu. Er hingegen blieb im Loch sitzen. Ein Loch aus dem er sie rausholte und ihn hineinwarf.

Schatten tanzten um Ben und plötzlich wusste Ben, das es wahr ist. Er hatte sich etwas vorgemacht und sein Leben verpasst.

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Als John und Ben im Krankenhaus ankamen, war Evelyn gefasst. Ben sah sie zum ersten Mal nach langer Zeit. Doch der Zauber war verflogen, keine romantischen Gefühle, kein Moment der Liebe für sie. In dem Moment als Ben sie sah, wurde ihm klar, dass Evelyn nur eine Narbe war, die ihn zwar immer wieder juckte, aber im wesentlichen längst verheilt war.

Der Blick mit dem sie ihn bedachte war eine Mischung aus Trauer und Wut.  Man hatte James aus dem Zimmer gefahren und Ben sah seinen Sohn das letzte Mal in  der Pathologie.

Da lag er und ihm wurde bewusst, das jede Entscheidung die Ben in seinem Leben traf, ihn genau an diesem Punkt führte. Jede Entscheidung sorgte dafür, dass sein Sohn hier lag. Tot.

Ben würde gerne die Zeit zurückdrehen, aber wie weit und bis wohin? Würde man sich dann in der Zeit verlieren?

„Sind sie der Vater?“

„Ja.“

„Mein Beileid zu ihrem Verlust. Sie müssen hier noch gegenzeichnen.“

Der Mann hielt ihm ein Klemmbrett entgegen.

Ben unterschrieb. Er wendete sich wieder ab und seinem Sohn zu.

„Ähm. Entschuldigen Sie. Ich brauche noch Ihren vollständigen Namen. “

„Der Familienname bleibt der selbe wie bei meinem Sohn. Mein Name ist Ben Leonard.“

„Danke sehr.“

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„Ich sage dir, der Mann ist ein Genie. Seiner Zeit weit voraus.“

„Ein Ketzer ist er, sag ich. Aber er untersteht ja der Gerichtsbarkeit des Pabst. Und ist Gelehrter und ein Arzt.“

„Er ist vieles, aber vor allem scheint es als wäre er mit seinem Wissen hunderte Jahre alt.“

Die Männer gingen die Gasse entlang. Als sie ihr Ziel erreichten, klopften sie 3 Mal kurz hintereinander an die Tür. Nach einer kurzen Weile wurde diese geöffnet. Ein alter Mann bat die Männer darum einzutreten. Die Wohnung war mehr eine Werkstatt, als eine Bleibe. Der Mann war sichtlich vom Alter gezeichnet. Aber seine Augen waren flink und wach, ihnen schien das Alter nichts angehabt zu haben. Der Alte setzte sich hinter dem schweren Eichentisch und bot den Männern ebenfalls Platz zu nehmen.

Der alte Mann eröffnete das Wort.

„Meine Herren, meine Lebensgeister sind müde und ich weiß nicht wie viel Zeit mir noch verbleibt. Daher habe ich sie heute herbestellt um einige wichtige Dinge mit Ihnen zu besprechen. Zunächst das Bild. “

Er wickelte aus einer Decke, die vor ihm lag ein Bild aus.

„Sie ist wunderschön.“ sagte der eine.

„Zeitlos.“ der andere.

Der alte Mann sah die beiden Männer vor sich an.

„Wer ist sie?“

„Das meine Herren, das ist das Rätsel, nicht wahr?  Eine Antwort, die ich nicht zu geben vermag. Noch in Hundert Jahren wird man sich die Frage stellen und ich kann ihnen heute nur sagen, das jene mich in meinen Träumen besucht. Sitzend in einer Landschaft die ich nicht kenne, mit einem lächeln voller …Liebe.“ Der alte Mann stockte kurz

„Wie heißt sie?“

„ich trage das Bild immer mit, auf jeder Reise, die ich mache, ist es dabei. Schon oft habe ich mich gefragt welchen Namen ich ihr gebe, doch fiel mir bisher kein passender ein. Das meine Herren überlasse ich Ihnen. Doch bitte ich darum es so zu handhaben, das man nicht merkt das der Name erst zu meinem Ende vergeben wurde.

Die Herren nickten.

„Eine Sache noch. Hier sind meine Aufzeichnungen haltet sie gut und versprecht mir sie zu verwenden.“

„Was ist das für eine seltsame Apparatur?“

“ Auch hierfür fiel mir keine Name ein, aber sie könnte Menschen durch die Luft transportieren seht ihr die beiden Flügel? Sie sorgen für den nötigen Auftrieb. Gleich einer Libelle.“

„Man sollte meinen ihr seid nicht von dieser Welt, werter Herr.“

Der alte sah die beiden Männer lange an und stand auf.

“ Mann muss nur genau beobachten, alter Freund. Hinsehen und verstehen, wie die Dinge wirken. Ich fürchte ich bin nur zu lange auf der Welt und hab zu genau hingesehen. Es scheint mir manchmal als würde ich nicht ganz hineinpassen in diese Zeit. Ich vergesse ständig etwas, etwas an das ich mich erinnern sollte, doch noch bevor ich den Gedanken fassen kann ist er fort. Lasst mich liebe Freunde noch eines sagen: Der Schlüssel zum Leben liegt nicht in der Vergangenheit, sondern in der Zukunft. Wer glücklich sei, der trauere nicht um das vergangene, sondern gehet eilig der Zukunft entgegen und empfängt diese mit offenem Arm, wie eine alte Geliebte.“

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Der Junge kicherte: „Schau mal Mutti, die sieht ein wenig aus wie du.“

Die Frau lächelte und sah ihren Sohn an:

„Du findest ich sehe aus wie die Mona Lisa?“

“ Sie gilt als schönste Frau der Welt, Evelyn also ich denke unser Sohn hat Geschmack.“

„Oh mein Mann der Kunstkenner. Nun Professor, was können sie mir sonst noch über das Gemälde sagen?“

„Nun du musst mich nicht mit Professor ansprechen. Du darfst John sagen. Nun, ein gewisser Leonardo Da Vinci zeichnete jenes Gemälde und man weiß bis heute nicht wer sie war. Einer Theorie zu Folge, soll es wohl auch ein Portrait von ihm sein, als Frau.“

Die Frau namens Evelyn betrachtete das Gemälde und ein Schauer lief ihr über den Rücken. Ein Mann zeichnet eine Frau, vermutlich seine große Liebe und was man mit beiden verbindet sind die Namen und das noch über Hundert Jahre hinweg.

„Es ist Zeitlos.“ dachte Evelyn.

 

 

 

 

 

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