1. Dezember 2020

Timeless (4)

Ein Tiefenrausch. Ein Tiefenrausch ist das schlimmste, das einem Taucher passieren kann. Er führt zum Verlust der Orientierung. Man wird euphorisch und im schlimmsten Fall möchte man sich das Sauerstoffgerät rausnehmen und man stirbt.

Plötzlich klingelte das Telefon. Ben jedoch hörte es nicht. Das laute klingeln, schrill und ungehört verhallend. Immer wieder. Bis schließlich das letzte Echo im Raum erstarb.

Während Ben schlief, tobte ein Sturm, der Bäume entwurzelte und Straßen unter Wasser setzte. Es schien, als würde ein wütender Kriegsherr alles niedermachen zu wollen, das sich ihm in den Weg stellte. Eine alte Eiche konnte dem Wind nicht länger Widerstand leisten und brach. Dabei erwischte sie eine Telefonleitung und zerstörte diese.  Funken sprangen auf und entwichen gen´ Himmel, sie tanzten kurz im schon sterbenden Mond und verschwanden.

Ben erwachte. Ein Klopfen weckte ihn. Es war Charles.

„Ben? Ben!“

Ben richtete sich im Bett auf.

„Was?“

„Ben, der Sturm hat die komplette Telefonleitung lahm gelegt und wir haben auch kein Internet, das bedeutet wir können auch gerade keine Kartenzahlung abwickeln.“

Ben rieb sich die Augen.

„Ist gut, Charles. ich komm gleich runter.“

Ben stand auf. Ihm war leicht schummrig im Kopf. Besonders gut geschlafen hatte er nicht. Er machte sich fertig und ging an sein Tagewerk.

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Evelyn hatte das Gefühl an ihren Tränen zu ersticken und sie wusste auch nicht woher sie die Kraft dafür noch nehmen konnte zu weinen. Ihre Augen brannten. Die Diagnose des Arztes war niederschmetternd. James brauchte ein neues Herz. Ein Spenderherz. So schnell wie möglich. Doch es gab soviele Hindernisse. Es konnte nicht einfach irgendeines sein.

Sie hatte irgendwann verzweifelt versucht im Timeless anzurufen. Die letzte Stelle von der sie wusste, das Ben dort war. Als irgendwann die Leitung tot war, hatte sie erschöpft aufgegeben.

Sie spielte mit dem Gedanken ins Timeless zu fahren und doch wollte und konnte sie ihren Sohn nicht alleine lassen. Als John kam hatte sie ihn gebeten zu Ben zu fahren und ihn herzuholen. Schließlich war Ben immernoch der Vater. Zumindest leiblich. John diskutierte erst und fuhr irgendwann doch, nachdem Evelyn schon fast in Hysterie verfiel. Sie wusste nicht wieviel Zeit James noch blieb. Wenigstens jetzt sollte Ben für seinen Sohn da sein.

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Das Auto ruckelte. John mochte Ben nicht besonders, er war in der Zwischenzeit schon länger mit Evelyn zusammen, als sie es je mit Ben war. Doch irgendwie hatte er das Gefühl, das Ben wie ein Damaklusschwert über ihre Beziehung hing. Am Anfang war es schlimm. Er merkte wie sie ihn manchmal instinktiv mit Ben verglich. Einmal wachte er neben ihr auf weil sie Bens Namen im Schlaf sagte. Als er sie darauf ansprach reagierte sie jedoch gereizt und meinte nur schlecht geschlafen zu haben. Ben wurde zu einem Tabuthema und er vermied es über ihn zu sprechen. Am Anfang kam er sich mehr wie ein Therapeut vor und schließlich verbot er ihr über Ben zu sprechen und über die Beziehung zu ihm. Er stellte sie vor die Wahl entweder er blieb und Ben musste aus ihrem Kopf verschwinden oder er ging. Er hatte Angst vor Ben. Angst davor Evelyn verlieren zu können. So auch jetzt. Er hatte sich gestern wie ein Arsch verhalten, als sie ihn bat ins Timeless zu fahren und Ben ausfindig zu machen. Er meinte, Ben sei die ganze Zeit nicht da gewesen, jetzt muss er es auch nicht sein. Er hasste sich für diesen Satz und fühlte sich schuldig.

Er stoppte vor ihm war eine Absperrung und ein Warnschild, das die Straße unterspült wäre.

John überlegte kurz ob er zurückfahren sollte oder zu Fuß weitergehen soll. Bis zum Hotel waren es noch 10 km.

Er atmete durch und stellte den Motor ab. John wollte Ben nicht treffen oder kennenlernen. Er könnte jetzt einfach umdrehen und losfahren. Dann hatte er ihn eben nicht gefunden. Dennoch, vielleicht war Ben in gewisser Weise Hoffnung für James.

Egal, er wusste Ben konnte Evelyn nicht zurückhaben. Sie liebte schließlich ihn und nach so vielen Jahren, musste er sich keine Gedanken mehr machen. Schließlich hat sie sich für ihn entschieden und ist nicht zu Ben zurück. Sie war glücklich mit ihm.

John stieg aus und machte sich auf den Weg.

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Das laute Piepen war stetig und schien eine  Art Lebenszeichen zu sein. Plötzlich fiel Evelyn die Begegnung mit dem merkwürdigen Mann wieder ein. War es wirklich Ben? Ein alter Ben, ein …sie wagte es kaum zu denken….Zeitreisender ?

Aber er hat gesagt, James würde sterben. Hier lag er nun: Dem Tode näher, als dem Leben.

Was hatte der Mann gesagt? Es war etwas wichtiges über den Tod. Ihr wollte es beim besten Willen nicht einfallen. Alles war so paradox, so kompliziert und unwirklich. Sie war einfach nicht in der Lage auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Sie fühlte sich wie in einem Rausch. Alles war nah und doch soweit weg von ihr. Warum war es so wichtig jetzt an die Worte des Mannes zu denken, anstatt an ihren Sohn?

Sie ging zum Fenster und sah hinaus. Sie wollte einfach nur noch fort. Alles schien so schwer. Sie wusste das John und Ben  nicht besonders gut auskommen werden. Doch auch nach so vielen Jahren, konnte sie ihn einfach nicht vergessen. Er war wie eine Droge. warum konnte er nicht einfach gehen. Es ist als dürfte es Ben garnicht geben. Müsste sie sich entscheiden, würde sie bei John bleiben. Denn es war richtig und fühlte sich gut an. Doch in Momenten wie diesen hier, in denen sie sich einsam und hilflos fühlte, hätte sie alles dafür gegeben für nur einen kurzen Moment Ben umarmen zu können. Es wäre dann als würde sie nach langer Reise endlich wieder zuhause sein und doch…ging es nicht….es würde sie zerstören und das vermutlich für immer.

„Ich hasse dich….“ Sie flüsterte es und drehte sich um, wieder standen Tränen in ihren Augen.

Plötzlich fiel es ihr ein und es war als würde eine Tür aufgehen durch alle Zeiten hinweg und sie verstand plötzlich die Bedeutung ihrer Verstrickung und welches Schicksal auf sie wartete. Der Kreis schloss sich und Evelyn rutschte die Wand entlang nach unten.

„Nein!, Nein! Nein!“…2 Sachen hatte der Mann gesagt und einen Satz nicht weiter beenden können.

„Was man im Herzen trägt, bleibt für immer dort. Selbst wenn Entfernung, Tod oder die Zeit dazwischen kommen.“ Den zweiten Teil des Satzes flüsterte Evelyn leise vor sich hin.

Sie zitterte. Sie hatte Angst und doch war es wichtig sich der Wahrheit zu stellen. Eine Wahrheit die sie kannte, aber es schien als hätte sie, sie lange vergessen. Es ging nicht um sie und Ben. Es ging nicht um John und sie. Es ging hier um das Leben.

Irgendjemand schien Macht über diese Geschichte hier zu haben. Irgendwer konnte an dieser Stelle entscheiden wie es weiter ging und dennoch blieb nur noch eine Frage offen. Eine Frage….

Sie befand sich wie in einem Sog. Sie fühlte sich wie ein Taucher der die Orientierung darüber verloren hatte , ob er nach oben oder unten schwimmt. Alles war vollkommen bedeutungslos. Ihre Gedanken rauschten in die Tiefe und verloren sich in stiller Trauer, der Machtlosigkeit…..

„Wo immer auch der Tod ist, wird immer auch der Tod sein.“

Wer wird sterben?

A) James

B) Ben

 

 

 

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